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Lost without translation

29. Dezember 2015

In diesem Jahr habe ich einige Dinge zum ersten Mal in meinem Leben getan. Heute zum Beispiel habe ich ein für Musliminnen gedachtes Kopftuch gekauft. In einem stark islamisch-osmanisch geprägten Laden hier in İskenderun. Nein, nicht weil ich konvertieren und gleichzeitig mein Geschlecht umwandeln lassen will. Aber man hat halt multikulturelle Freunde. Denen kann ich nachträglich zu Weihnachten auch mal was Ausserchristliches schenken.

Rückwirkend könnte ich durchaus behaupten, der gesamte heutige Tag habe im Zeichen des Islam gestanden. Nach dem Kopftuchkauf habe ich eine Moschee im Zentrum İskenderuns ausgiebig fotografiert, die Kaptan-Paşa-Moschee. Ich will jetzt nicht die ganzen Fotos rauskramen, deswegen begnüge dich bitte einfach mit diesem Bild auf Instagram:

Regards from İskenderun.

Ein von @cpachter gepostetes Foto am

Warum mich gerade diese Moschee so fasziniert hat? Sie steht mitten im Stadtzentrum und um sie herum war alles sehr lebendig. Gut, auch andere Moscheen, die ich besucht habe, sind nicht auf der grünen Wiese gebaut. Aber um sie herum ist meistens ein so grosser Vorplatz, dass das städtische Leben doch etwas von ihnen abgetrennt ist (obwohl ich in Ankara und Mersin wiederum Moscheen gesehen habe, in deren Erdgeschoss eigene Supermärkte oder Einkaufscenter eingebaut sind – zur Finanzierung des Gotteshauses).

In İskenderun hingegen sind die Ladenzeilen nur 10 oder 20 Meter von den Gebäuden der Moschee („normale“ Moschee, Frauen-Moschee, Waschplatz und WC) entfernt. An diesem Ort bin ich auch mit syrischen Flüchtlingen ins Gespräch gekommen, die neben dem Haupteingang der Moschee sitzen und um Almosen bitten. Also, was heisst „ins Gespräch gekommen“? Ich kann kein Arabisch und die Syrer konnten ungefähr genau soviel Türkisch wie ich. Ich hätte gern mehr über ihr Schicksal, über ihr altes Leben und ihre Lebensumstände in Türkei erfahren. Aber da muss ich meine Türkischkenntnisse wohl noch deutlich ausbauen und ein andermal wiederkommen. Könnte ich mir gut vorstellen, denn die Berge rund um İskenderun sehen recht Mountainbike-tauglich aus:

Wenn du genau hinsiehst, erkennst du rechts im Bild, noch im Park, ein Kopftuchmädchen, das seine

Wenn du genau hinsiehst, erkennst du rechts im Bild, noch im Park an dem runden Becken, ein Kopftuchmädchen. Es hat die ganze Zeit seine unbetuchte Freundin in verschiedenen Posen fotografiert. Zusammenleben geht eben doch.

Na gut, wenn schon ein Foto von den Bergen, dann bekommst du doch auch noch eins von der Moschee:

Siehste, dass da ganz schön was los ist – ständig laufen Leute über den Vorplatz, die ihre Einkäufe und anderes erledigen. An der Wand der Moschee, links unter dem Karo-Mosaik, sitzt eine der Syrerinnen, mit denen ich gesprochen habe. Rechts im Bild (leider ist das Schild nicht zu sehen) wäre das, was mir an Moscheen sowieso immer am besten gefällt: die öffentliche Toilette.

Auf dem Basar war ich auch noch:

Am Stand links im Bild werden übrigens Küchenmesser von Lacoste verkauft. Sowas Exklusives gibt es ja nicht mal bei uns in Westeuropa!

Anschliessend bin ich zum bekannten Petek Café gegangen, um feine Schokolade als Mitbringsel für meine Freund*e in Schweiz und İzmir zu besorgen. Das ist immerhin die Schoggi, die mich mal davor bewahrt hat, in Südtürkei von der dortigen Polizei für längere Zeit für einen potenziellen Dschihadisten vom „Islamischen Staat“ gehalten zu werden:

Ich weiss, wir wollten

Ich weiss, wir wollten statt „Islamischer Staat“ oder IS/ISIL/ISID nur noch Daesh sagen. Aber ich muss auch an meine Google-Indexierung denken, Hase.

Das ist übrigens der Laden, in dem ich die Kopftücher gekauft habe:

Ich vermute, selbst Ungeübte erkennen recht schnell den Bezug zum Islam.

Ich vermute, selbst Ungeübte erkennen recht schnell den Bezug zum Islam.

Zur Abwechslung mal eine Kirche – bei soviel Islam wird man ja sonst verrückt im Kopf:

Eine Synagoge

Mit einer Synagoge kann ich leider nicht aufwarten. Ich wüsste nicht, dass es in İskenderun eine gibt. Dafür hat es in İzmir gleich mehrere davon in Betrieb.

Und noch was gänzlich Unislamisches – also, wenn man gewisse Symbolismen berücksichtigt: In einem der Cafés von İskenderun sind die Blumenvasen mit den Plastikblumen drin gleichzeitig offiziell die Aschenbecher. Pikantes Detail: Die Rose steht im türkischen Islam für Mohammed, den Propheten, bekannt aus Funk und Fernsehen. D.h. man ascht hier gerade auf den Religionsstifter. Nicht nett.

Noch ein kleines kulturelles Detail:

Noch ein kleines kulturelles Detail: Während die Rose für Mohammed steht, ist die Tulpe das Symbol für Allah. Das liegt wohl daran, dass das türkische Wort für Tulpe, Lale, in arabischen Zeichen geschrieben denen für das Wort „Allah“ sehr ähnlich sieht. Das ist aber nur im türkisch bzw. osmanisch geprägten Islam so; die arabischen Länder schütteln da mehr oder weniger den Kopf drüber. Dem Daesh wird diese Art Symbolismus wohl gar nicht gefallen.

Ich selber habe mir auch etwas gekauft (wir kommen zum letzten Bild). Nicht, weil ich es besonders schön finde, sondern weil es so skurril aussieht. Es handelt sich um den/die arabischen Schriftzeichen für „Allah“. Ich habe die goldene Ausführung gewählt statt silber, als Reminiszenz an meine türkischen Freunde, weil Türken im Allgemeinen die goldene Farbe ja über alles lieben. Es gab noch etwas mit Brillant-Imitaten besetzt, das war mir dann aber doch too much:

Wenn du auch erkennst, was ich sehe, dann behalte es lieber für dich. Es könnte dir negativ ausgelegt werden.

Wenn du auch erkennst, was ich sehe, dann behalte es lieber für dich. Es könnte dir negativ ausgelegt werden.

tl;dr
Ich freue mich, für diesen einen Tag voller Eindrücke den kurzen Abstecher von Izmir nach Iskenderun gemacht zu haben. Meine Freunde hier wiederzusehen, war es ebenfalls wert. Und ausserdem ist es hier deutlich wärmer als zu Hause 😉

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