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Initiativbewertung

15. April 2016

Ich erinnere mich noch gut, wie ich im Sommer 1989 bei meiner Familie in Kanada zu Besuch war und Onkel Karl-Heinz mich fragte: „Meinst du, dass das DDR-Regime sich jemals öffnen wird?“

Es war die Zeit, in der Ungarn den „Eisernen Vorhang„, der West- von Osteuropa trennte, durchlässiger machte und DDR-Bürgern die Ausreise nach Österreich ermöglichte. Einige Menschen schöpften Hoffnung, dass dies nicht die Ausnahme bleiben würde. Und tatsächlich, wenige Monate später fiel auch die „Berliner Mauer„, also das Ding, das irgendwie ja doch auch West- und Ostdeutschland in Bundesrepublik Deutschland und DDR spaltete.

Ich hatte das alles nicht kommen sehen. Als West-Berliner, der in den 1970ern geboren ist, war die Mauer für mich sowas wie eine Selbstverständlichkeit. Tatsächlich dachte ich als kleiner Junge zeitweise, jede Stadt habe eine solche Mauer um sich herum. Schliesslich wird doch in allen Geschichtsbüchern immer von Stadtmauern geschrieben. Ich wusste damals ja noch nicht, dass Beton und Stacheldraht nicht die Baumaterialien des Mittelalters gewesen waren.

Aufgrund dieser Konditionierung gab ich meinem Onkel in Kanada an diesem Tag im Sommer ’89 also auch eine abschätzige Antwort: Das DDR-Regime würde sich niemals ändern geschweige denn „die Grenze“ (so nannte man sie im freien West-Berlin immer) öffnen.

Als das im November desselben Jahres dann doch geschah, war ich baff. Und zog für mich folgende Lehre: Wow, alles ist möglich!

Ein ähnliches Erlebnis hatte ich dieses Jahr, als die Schweizer Bevölkerung Ende Februar die so genannte „Durchsetzungsinitiative“ ablehnte. Ich war kein Fan dieser Gesetzesvorlage, einfach weil sie eine rechtliche Ungleichbehandlung von In- und Ausländern geschaffen hätte, also quasi ein Apartheidssystem. Und solch einen Staat hätte ich wahrscheinlich verlassen.

Aber ist ja dann alles ganz anders gekommen. Obwohl Meinungsumfragen im Vorfeld ein klares Ja zur Initiative prognostiziert hatten, wurde sie letzten Endes überraschend abgelehnt. Finde ich gut.

Und hatte ich am letzten Schweizer Nationalfeiertag noch etwas mit meiner Wahlheimat gehadert, bin ich nun sogar voller Bewunderung. Denn seien wir ehrlich – würde man derzeit in anderen europäischen Staaten der Bevölkerung ein rechtsgerichtetes aka. fremdenfeindliches Referendum zur Vorlage geben, es würde in vielen Fällen wohl angenommen werden. Da sind ausgerechnet die Schweizer, über die so viele negative Vorurteile bestehen (bäuerlich, weltfremd, verschlossen, abschottungsbedürftig), die glückliche Ausnahme. Das haben sie gut gemacht, die Schweizer.

Als positiver Nebeneffekt fühle ich mich in diesem Land jetzt wieder sehr wohl. Und sehe erneut, dass sich grosse Dinge auch mal zum Guten wenden können.

Wäre ich ein Auto, ich würde ich mich wohl so fühlen wie dieser fröhlich dreinblickende Citroën.

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