Reisen Türkei

Satire, Nachrichten- und Social-Media-Sperren in der Türkei

1. April 2016

Heute war der 1. April, der Tag, an dem man sich traditionell, wie es so schön heisst, in den April schickt. D.h. man treibt allerlei kecke Scherze miteinander und versucht, sich gegenseitig hinters Licht zu führen. Allerorten ein Feuerwerk der guten Laune. Wie ich diese ganzen Floskeln nachher übersetzen soll, wenn ich die englischsprachige Version dieses Beitrags schreibe, darüber zerbreche ich mir jetzt schon den Kopf.

Gelacht haben wir aber schon vor dem 1. April. Zum einen über den Satirebeitrag des ARD/NDR-Magazins extra3 über den türkischen Präsidenten Erdoğan, kurz danach über Erdoğans dünnhäutige Reaktion, und am Ende nochmal über die Reaktion der Redaktion von extra3 darauf.

Da musste ich an meine Erlebnisse im Februar dieses Jahres denken. Damals war ich in Izmir gewesen (es war in der vollendeten Vergangenheit gewesen) und war mit einer befreundeten Studentin in Bornova unterwegs. Das ist ein quirliger Stadtteil Izmirs, der auch die bedeutende Ege-Universität beheimatet, und daher leben dort auch sehr, sehr viele Studierende (schau, wie ich das geschlechterneutral formuliert habe).

Auf unserem Rundgang durch Bornova ist mir aufgefallen, dass die Zeitungsläden überdurchschnittlich viele Satirezeitschriften führen, mehr als ich in einem vergleichbaren Geschäft in Deutschland oder Schweiz sehen würde.

So sah sie aus, die Auslage des Zeitungsladens. Naber (von „N’aber“ = Was ist los“), Uykusuz („schlaflos“) und Penguen (der Pinguin ist ein Zeichen des türkischen Widerstandes, #ausGründen) sind alles so politische Blätter.

Und so fragte ich meine einheimische Begleitung: Wie kann es sein, dass jedes Mal nach einem Anschlag in der Türkei Facebook, Twitter und Youtube für eine gewisse Zeit gesperrt werden, aber hier liegen offen Magazine aus, die Präsident Erdoğan in harschester Form karikieren?

Der offizielle Wahlspruch der Türkei, „Yurtta Sulh, Cihanda Sulh„, auf deutsch „Frieden in der Heimat, Frieden in der Welt“, wird hier karikiert zu: „Klappe halten in der Heimat, Klappe halten auf der ganzen Welt!“

Die Antwort, die ich erhielt, erstaunte mich. Meine Bekannte erklärte mir, die türkische Regierung sei sich durchaus bewusst, dass sie von der Bevölkerung des Landes entweder geliebt oder gehasst wird. Es sei Erdoğan eigentlich ziemlich egal, bekannte Verfehlungen zu vertuschen. Er ist nunmal Präsident, und das wird er auch erstmal noch eine Weile bleiben. Deswegen lasse er innerhalb des Landes diese – in seinen Augen vielleicht lächerlichen – kritischen Medien zu.

Aber seine Wirkung im Ausland sei ihm sehr wichtig. Daher solle möglichst keine Information unkontrolliert nach aussen dringen.

Ein paar Wochen später, nach einem erneuten Bombenanschlag in Istanbul, erhielt ich noch eine weitere Antwort auf die Frage, weshalb nach Attentaten die türkische Regierung immer die Social-Media-Kanäle sperren lässt. Diese kam von einer Mitarbeiterin der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu Ajansı (aa.com.tr), also einem vielleicht eher Erdoğan-freundlichen Medium. Dementsprechend lautet die erste Antwort auch: „Die Türkei blockiert Social Media nicht.“

Als ich ihr daraufhin eine Reuters-Pressemeldung vorlegte, der zufolge ein Gericht in Ankara die Sperrung von Facebook und Twitter angeordnet habe, kam eine zweite Antwort: Die türkischen Medien hätten keinen Anstand und würden alle möglichen geschmacklosen Bilder von Attentatsorten zeigen, inklusive Blut, abgetrennten Körperteilen etc. Ebenso würden die Bürger handeln und über Twitter und Facebook alle möglichen unangebrachten Aufnahmen verteilen. Dies wolle die Regierung unterbinden. (Ihre Agentur, Anadoly Ajansı, sei da ganz anders und berichte nur mit seriösem Material. Ausserdem sei man werbefrei.)

Kommen wir aber kurz auf die Antwort der ersten Bekannten zurück, dass Erdoğan vor allem darauf bedacht ist, keine Informationen nach aussen dringen zu lassen. Da fragst du dich doch sicher: Hä, und die ganzen Touristen? Die sehen doch alles und erzählen das dann zu Hause.

Naja. Die Türkei ist gross. Und die Touristen sind in der Regel nur da, wo es schön ist (ausser icke jetzt). Daneben gibt es aber noch Ecken, vor allem im Osten des Landes, die nicht so bekannt sind und über deren Situation man i.d.R. wenig erfährt. Würdest du zum Beispiel glauben, dass die folgenden Bilder vor etwa drei Wochen in der Türkei aufgenommen wurden:

„Biz yine güzeliz, hep de güzel kalacağız!“ | Cizre / Bölüm 1 | Mart 2016 from KAZIM KIZIL on Vimeo.

Sieht aus wie Beirut in den 80ern, ist aber die Stadt Cizre im Südosten der Türkei. Dort, wo die türkische Armee gern mal die kurdische Bevölkerung zusammenballert. Und die Nähe zu Irak und Syrien ist vielleicht auch nicht ganz hilfreich, um dort in Ruhe seinen Lebensabend verbringen zu können.

tl;dr
Die Google-Bildersuche zum Thema Cizre spricht ja auch Bände.

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply