Kirgistan Reisen

Tag 1 in Kirgistan

2. Juli 2016

Ehrlich gesagt, ich weiss gar nicht, ob es sich noch um Tag 1 unserer Kirgisien-Reise handelt. Mit den ganzen Flügen und Umstiegen und Wechseln zwischen diversen Zeitzonen (Mitteleuropa, Türkei, Zentralasien) bin ich inzwischen völlig durcheinander gekommen und wüsste nicht mal zu sagen, welcher Tag jetzt bei mir zu Hause in Bern ist. Manchmal fliegt man ja vier Stunden, landet offiziell aber acht Stunden nach Abreisezeit, weil man Richtung Osten und „der Sonne entgegen“ geflogen ist. Oder anders gesagt: Man kann auf so einem Flug gar nicht so viele Filme sehen, wie man fälschlicherweise geplant hat (nämlich statt 4 nur 2).

Was habe ich sonst noch gelernt auf dieser Reise bis jetzt? Folgendes:

  1. Trotz recht guter Vorbereitung sind wir von einem Taxifahrer abgezockt worden. Also, so halb. Wir haben uns echt bemüht, nicht zuviel zu bezahlen, aber … naja, lies selbst:
    Bei der Ankunft am Flughafen Bischkek (Flughafencode FRU wegen des früheren Namens der Stadt während sowjetrussischer Zeit, Frunse) wollte uns gleich jemand eine Taxifahrt ins Stadtzentrum aufschwatzen. Gut, das war grundsätzlich genau das, was wir wollten. Nur nicht zu seinem Preis: 30 US Dollar fanden wir deutlich übertrieben.
    Was wir aus unseren Reiseführern rausgelesen hatten, war, dass eine Taxifahrt maximal zwischen 10 und 15 Dollar kosten sollte. Wenn Gepäck dabei ist oder es in die südlichen Bezirke Bischkeks geht (der Flughafen liegt im Norden ausserhalb der Stadt), kann es auch mal Aufschläge geben.
    Also wiesen wir ihn ab in der Erwartung, er würde dann mit einem anderen Angebot zurückkommen. Tat er auch: statt für 30 Dollar würde er uns für 2000 Som (die kirgisische Währung) in die Stadt bringen.
    Haha. Wenn man weiss, dass der Umrechnungskurs von Dollar/Euro/Franken (sind ja in etwa alle gleich viel wert) zum kirgisischen Som ungefähr 1:70 ist (den offiziellen Kurs haben wir noch nicht herausgefunden, und er unterliegt offenbar auch starken Schwankungen), dann sind 2000 Som so ziemlich die gleiche Summe wie 30 Dollar.
    Also: danke, aber nein danke.
    Schliesslich fragte er uns, wieviel wir denn ausgeben würden, und wir haben ihm 20 Dollar angeboten (weil wir nicht wussten, wie weit im Süden Bischkeks unser Hotel liegt, und es soll ja auch nicht so sein, dass der reiche Europäer den Kirgisen abzieht). Kurz darauf sassen wir in einem Auto mit Taxischild obendrauf, wir zeigten dem Fahrer die Adresse sowie noch einen Punkt auf der Karte, und los ging’s.
    Nur ist das mit Adressangaben in der Fremde immer so eine Sache. Wir hatten die Anschrift des Hotels nur in lateinischen Lettern, die der Taxifahrer nicht lesen konnte, und der Punkt auf der Karte unseres Smartphones war eher eine Art „Annäherung“. Das merkten wir auch, als wir nach 40 Minuten Fahrt „ankamen“ und es definitiv kein Hotel gab.
    Ein glücklicher Zufall (und die Tatsache, dass ich bei der Swisscom ein 50-MB-Datenpaket für „Welt 2“ – da liegt Kirgistan nämlich – gebucht hatte), liess uns die Lokalität doch noch genauer auf der Karte finden, und 5 Minuten später waren wir am richtigen Ort. Sagten jedenfalls sporadisch befragte Passanten. Für uns sah das gar nicht nach einem Hotel, sondern einem heruntergekommenen Wohnblock aus. Egal, das Leben würde schon weitergehen.
    Der Taxifahrer half uns beim Ausladen der Rucksäcke, und dann wollte ich ihm die vereinbarten 20 Dollar in die Hand drücken – einen wunderschönen, nagelneuen Schein, den ich in Bern eingetauscht hatte. Aber der Fahrer lehnte ab. Er wollte kirgisische Som. Und tippte auf seinem Taschenrechner die Zahl 1.500 ein, was auch okay war, denn das sind in etwa 20 Dollar.
    Zum Glück hatte ich am Flughafen Bischkek bereits auch Dollar in kirgisische Som gewechselt (und mich dabei, nach aktuellem Wissen, nicht übers Ohr hauen lassen), und übergab dem Fahrer 2 Tausenderscheine in der Hoffnung, 500 Som in kleinen Scheinen zurückzubekommen. Die Reiseführer empfehlen nämlich, stets auch genügend kleine Scheine mitzuführen, weil kaum jemand auf grosse Scheine herausgeben kann. Und da ich am Flughafen nur wenige kleine Scheine erhalten hatte, dachte ich, diese Chance nutzen zu können und via Wechselgeld vom Taxifahrer an solche heranzukommen.
    Der Fahrer spielte da aber zunächst nicht ganz mit. Er nahm die 2.000 Som und machte sich auf den Weg zu seinem Wagen, ohne irgendein Anzeichen, noch etwas herausgeben zu wollen. Daher sagte ich: „Äh, nee, hallo, ich bekomm noch was zurück“ (was Kirgisisch ist für „Ich denke nicht, dass Ihr Verhalten korrekt ist, und protestiere hiermit energisch!“). Der Taxifahrer quittierte dies mit ein wenig Händefuchteln und wenigen Worten, die bedeuten sollten, dass er ja schliesslich hin und her habe fahren müssen unsretwegen.
    Ja, Entschuldigung, was kann ich dafür, dass du weder Adressen von Touristen lesen noch selber deinen Zielort bestimmen kannst. Jetzt sollen wir noch Trinkgeld geben, weil wir einen Teil deiner Arbeit gemacht haben? Ich entzog ihm die beiden Geldscheine wieder, worauf er seine Brieftasche zückte, und tatsächlich – er konnte auf 2.000 Som nicht voll herausgeben. Aber er zählte wenigstens 250 Som zusammen, die er mir gab. Wir hatten am Ende also 1.750 Som gezahlt, was etwa 25 Dollar entsprach – nicht der günstigste Preis, aber es gibt auch eine hauchdünne Grenze zwischen „Die haben mich voll abgezockt“ und „Ist ja auch nicht so, dass ich mir das gar nicht leisten könnte, und verbuche es daher mal maoralisch als ’sehr grosszügiges Trinkgeld‘.“
    Kirgisien – Touristen: 1:0

    Apropos Flughafen und Ankommen: Visaformalitäten und Einreise dauern tatsächlich nur wenige Minuten. Doch ob man in die grüne Zone für „Nix zu verzollen“ oder in die rote für „Ich habe zollpflichtige Waren zu deklarieren“ muss, entscheidet man nicht selbst …

    … sondern dieser nette Herr, der einen mit einer unmissverständlichen Armbewegung einsortiert. Dabei scheint er „westliche“ Touristen gern nach links in die grüne Zone, reisende Asiaten jedoch zum Rundum-Voll-Zollcheck zu leiten. Immer diese Vorurteile!

  2. Apropos Hotel: Wir sind in einem russischen Wohnblock aus Sowjetzeiten untergekommen. So ein richtig schäbiges Ding. Vielleicht habe ich die Beschreibung auf booking.com nicht ganz aufmerksam gelesen, aber die Bezeichnung „Hotel“ könnte evtl. als irreführend gewertet werden. Obwohl, es gibt immerhin eine Rezeption (im 8. Stock).
    Und ich muss auch sagen: Ja, zuerst hatte ich etwas Angst, überhaupt in dieses Gebäude reinzugehen (wer weiss denn schon, welche Russengangs sich hier verschanzen und dem Mädchen- sowie Waffenhandel frönen), doch mittlerweile liebe ich unsere Unterkunft. Denn wie könnte ich sonst noch authentischer wohnen??

    Du erinnerst dich noch an den Taxifahrer, der uns mehr oder weniger irgendwo auslud? In einer nicht ganz anheimelnd wirkenden Gegend? Dazu an einem Haus, das kein Schild wie „Hotel“ oder sonst einen Hinweis auf Unterbringung von Reisenden trug? Das war hier! Hätte ich mir die Bilder auf booking.com vorab genauer angesehen, hätte ich wissen können, dass ich exakt am richtigen Gebäude war.

    Und egal, wie das Ding aussieht – auf die Duschen hier lasse ich nichts kommen! Jeder Reisende weiss, dass Duschen in den verschiedenen Ländern und Unterkünften unterschiedlichste Überraschungen parat haben können. Mal ist nicht klar, in welche Richtung man irgendwelche Hebel drehen muss, um zwischen kaltem und heissem Wasser zu wechseln; manche Duschen haben kaum Wasserdruck oder nur 5 Liter warmes Wasser am Tag, und das auch nur zwischen 7:00 und 7:15 Uhr. Hier aber ist alles klar verständlich und es ist auch immer fliessend warm Wasser da. In meinen Augen ziemlicher Luxus.

  3. In Bischkek ist es uns irgendwie zu unerwartet russisch. Wir hatten asiatischere Architektur erwartet statt brutaler Wohnblocks aus Sowjetzeiten. Auch der Plan, sich mit Türkisch verständlich machen zu können, weil Kirgisisch und Türkisch viele gemeinsame Worte haben, erweist sich real-sozialistisch als naiv. Die Übereinstimmungen sind zu gering: die Zahlwörter halt und ein paar ausgewählte Wörter. Mehr nicht. Wir leben hier, als wären wir taub und stumm.
    Und irgendwie … freundliche Asiatengesichter, aus deren Mund unerwarteterweise Russisch kommt, haben etwas Albtraumhaftes.
  4. Apropos Asiaten: Es gibt ja dieses Vorurteil, dass Asiaten (gemeint sind: Ostasiaten) alle gleich aussehen würden. In Europa habe ich das noch nie so wahrgenommen: Alle meine Bekannten mit „asiatischen Gesichtern“ sind für mich sehr klar voneinander unterscheidbar.
    Hier in Bischkek ist das doch anders. Mein Sohn, mit dem ich unterwegs bin, und ich, wir glauben, in fast jedem zweiten Mann hier unseren Taxifahrer wiedererzuerkennen, der uns vom Flughafen zum Hotel gefahren hat. Das ist ein bisschen angsteinflössend. Oder aber der Beginn der Klonkrieger-Armee.

    So sind wir zum Beispiel überzeugt, dass dieser Mann auf dem Cover einer Zeitschrift ebenfalls unser Taxifahrer vom Flughafen zum Hotel war. Ganz sicher. Vielleicht spricht er hier im Heft über „1000 Tricks, Touristen dezent abzuzocken“.

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