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Feriengrüsse aus Bischkek – 4 Wochen später #latercard

24. August 2016

Wenige Tage ist es her, da fragte mich jemand aus meinem Bekanntenkreis, ob ich hier noch mehr über meinen Aufenthalt in Kirgisistan berichten würde. Würde ich gern, aber ich habe mir geschworen, erst dann wieder darüber zu schreiben, wenn meine Postkarten aus Kirgistan bei ihren Empfänger*innen angekommen sind. Das ist jetzt der Fall – nur fünf Wochen nach dem Abschicken.

Eine der Postkarten, die ich im Postamt der Hauptstadt Bischkek aufgegeben habe, durfte ich daheim in Bern gleich wieder selbst in Händen halten. Denn ich hatte sie an die Abteilung gesendet, in der ich arbeite. So sieht sie aus (die Karte, nicht die Abteilung):

DSC02702_800x600Ja, die Vorderseite kommt auch noch! Aber gehen wir doch erst auf die Elemente auf der Inhaltsseite der Karte ein:

Zuerst einmal ist da der Stempel „PAR AVION“. Wenn du bedenkst, dass die Karte einen ganzen Monat unterwegs war, kommst du vielleicht auch zu dem Schluss, dass kirgsisische Postflugzeuge offenbar sehr langsam fliegen. Oder dass die kirgisische Post meine Karte der Solar Impulse mitgegeben hat.

Weiter wird dir auffallen, dass rechts im Adressfeld ganz oben kyrillische Buchstaben stehen. Ich kann sie selbst nicht lesen (obwohl ich sie geschrieben habe), aber ich weiss, dass da auf Russisch das Wort „Schweiz“ steht. Denn wie ich, der sich als Journalist und Mutter stets durch ausgiebige Recherche auf jedes Detail einer Reise vorbereitet, vor dem Versenden gelesen habe, muss auf Briefen und Postkarten, die der kirgisischen Post anvertraut werden, nunmal die Struktur LAND – NAME – STRASSE – STADT eingehalten werden. Und ja, das Land muss auf Russisch und in Kyrillisch geschrieben werden. Englisch reicht nicht. Wie soll der/die/das kirgisische Postangestellte sonst wissen, wohin das Schriftstück geht? Nicht viele Menschen in diesem Land sind der englischen Sprache mächtig.

Zum Glück standen auf einer Internetseite, die mich über diesen Umstand aufklärte, auch diverse Ländernamen in kyrillischer Schreibweise. Da konnte ich schön spicken.

Leider war es nicht möglich, die Karte einfach an der Hotelrezeption abzugeben und die würde sich dann um den Rest kümmern. Wir wurden zwar gefragt, in welche Länder wir unsere Postkarten versenden wollen würden, und die Destinationen Schweiz, Türkei und Deutschland wurden auch für gut befunden (was immer die Kriterien hierfür sind – ob es verbotene Länder gibt? Und wenn ja, welche sind dies? Preussen und BRD GmbH?), aber die Karten selbst muss man der kirgisischen Post dann schon eigenhändig übergeben. Und das heisst nicht, dass man irgendwo (Kiosk, Automat) Briefmarken kauft und die frankierte Karte anschliessend in einen Briefkasten wirft. Sowas gibt es alles nicht in Bischkek.

Stattdessen haben uns die Rezeptionsmitarbeiter erklärt, wie man zum Hauptpostamt in Bischkek kommt („Hauptpostamt“ ist gut – ich glaube, die haben da nur eins). Das ist am so ziemlich zentralsten Platz der Stadt und sieht so aus:

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Ein äusserst attraktiver Funktionsbau aus besseren, sozialistischen Zeiten. Irgendwo da drin ist die kirgisische Telekom versteckt, die auch fürs Postwesen zuständig ist. Im Vordergrund, das Gelbe da, ein Plakat von Beeline, einem russischen Mobilfunkanbieter, der am Flughafen von Bischkek gratis SIM-Karten verteilt. Cleverer Schachzug. Wir haben das gern in Anspruch genommen.

Aus den vagen Angaben von Google Maps und der Tatsache, dass auf dem Gebäude gross „Telekom“ draufsteht, schloss ich, dass sich darin auch das Postamt befinden könnte. Langsam schlichen wir (mein Sohn und ich) uns an das etwas unheimliche Architekturmonster an. Und gingen dann durch eine beliebige, unbeschriftete Tür. Dort sass, in einem Kasten aus Holz und Glas, ein Pförtner. Vom Auftreten her eher ein Türsteher. Er kam auf uns zu und ich eröffnete ihm gestikulierend, dass wir gern Postkarten verschicken würden. Der Türsteher bedeutete uns, einen Blick auf die Postkarten werfen zu wollen (wieder der Check, welche Länder angeschrieben werden sollten und ob das – siehe oben – überhaupt machbar wäre). Nach einer wirklich kurzen Inspektion (das Relevante war ja schön auf Russisch geschrieben) wies er uns an, durch eine weitere, unscheinbare, hölzerne Tür zu treten.

Und da waren wir – im Postamt. Bis auf eine einzige Person (eine Kundin, die Briefumschläge beschriftete) niemand zu sehen.

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Sehr typisch für die kirgisische Architektur: nirgends Fenster. Macht alles ein wenig düster im Innern, hält aber auch gut die Hitze ab. Und ist wohl von den traditionellen Jurten übernommen, in denen das Nomadenvolk früher lebte. Dazu aber später mal mehr.

Das Büro, in dem wir unsere Postkarten schliesslich in die Hände einer Mitarbeiterin übergaben, war auch von einem ganz speziellen Charme:

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Eine spannende Zeitreise zurück in die DDR der 80er. Und auch hier wieder: keine Fenster. Naja, so ist man wenigstens optimal vor Chemtrails geschützt.

Irgendwann schafften wir es auch wieder raus aus dem Gebäude:

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Mein Sohn war als Erster wieder draussen, und irgendwie wirkte er zunächst etwas irritiert, weil er das viele Sonnenlicht schon gar nicht mehr gewohnt war.

Okay, ich will nicht übertreiben – der ganze Vorgang von Betreten bis Verlassen des Postamtes dauerte unter 10 Minuten. Aber die Zeit kommt einem ja doch immer viel länger vor, wenn man sich auf ungewohntem Terrain befindet.

Jetzt willst du sicher noch etwas über die Vorder-, die Motivseite der Postkarte wissen. Kannste knicken. Erst noch was zur Briefmarke (siehe oben, erstes Bild): Die zeigt eine sehr typische kirgisische Kopfbedeckung: den Kalpak. Und mit „typisch“ meine ich, dass die Kirgisen den tatsächlich tragen, ganz normal in den Strassen und so. Also, wohlgemerkt die Kirgisen, nicht die Kirgisinnen.

Für meine Verdienste als Helfer auf einem Bauernhof während eines Couchsurfing-Aufenthaltes in Aral Blijny nahe der Stadt Sokuluk habe ich ebenfalls einen Kalpak erhalten, den ich stolz trage:

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Ganz fesch – und etwas gewagt – setze ich den Kalpak auch bei Wanderungen durch die Schweiz auf und kombiniere ihn dabei mit einem anderen Mitbringsel: einer OAKEY-Brille aus der Türkei. Richtig gelesen, keine OAKLEY (das kann ja jeder), sondern eine Oakey. Okay?

Abschliessend aber doch noch ein paar Worte zur Vorderseite der Postkarte. Die sieht so aus:

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Ja, die Farben auf der Karte sind original so. Das ist halt noch Drucktechnik aus Sowjetzeiten.

Diese Karte zeigt das Victory Monument auf dem Victory Square im Stadtzentrum von Kirgistans Hauptstadt Bischkek. Wir selbst haben da nie wirklich drunter gestanden, weil immer, wenn wir dort ankamen, gerade irgendwelche Hochzeitsgesellschaften den Platz für ausgiebige Fotosessions belegt haben:

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Ja klar, sobald ich ein Foto mache, stellt sich die Party Posse auf die Seite und tut so, als könne natürlich jeder da rauf. Aber sobald man in die Richtung geht, wird dichtgemacht und mit Kung Fu und Zwangsheirat gedroht.

Das Monument wurde zum Gedenken an den Sieg über Hitler-Deutschland errichtet. Mehr Details dazu finden sich in der untenstehenden Linkliste, mit der ich diesen Artikel abschliesse. (Das ist jetzt so’ne neue Marotte von mir: Linklisten am Artikelende statt Links direkt im Text. Habe ich von meinem aktuellen Arbeitgeber, dem Schweizerischen Nationalfonds. Hat irgendwas mit Barrierefreiheit zu tun und lenkt auch nicht so vom Lesen ab. Find ich gut.)

Links zu diesem Artikel:

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